Die traditionelle Landwirtschaft der Zukunft ist digital

Bodenhaftung & Mut

Jonathan Bernwieser hat eine digitale Plattform entwickelt, die Landwirten deutschlandweit die Arbeit leichter macht. Der Gründer weiß genau, was kleine und mittelständische Betriebe brauchen, denn der 30-jährige Wirtschaftsinformatiker ist auf einem Milchhof mit 60 Kühen und 60 Hektar Land in Münsing groß geworden.

„Wer denkt, dass eine Kuh lila ist, passt nicht zu uns – egal, wie gut er programmieren kann.“

Jonathan Bernwieser

Jonathan Bernwieser von Agrando
Jonathan Bernwieser im Büro seines Start-ups Agrando im Münchner Technologiezentrum. Der 30-Jährige beschäftigt 30 Mitarbeiter.

Wenn Jonathan Bernwieser aus dem Fenster seines Büros im Münchner Technologiezentrum (MTZ) schaut, sieht er eine riesige Baustelle. Ein neuer Bürokomplex wird gebaut. „Dort wollen wir nächstes Jahr einziehen“, sagt der 30-jährige Gründer entschlossen. „Mit doppelt so vielen Mitarbeitern wie heute.“ Unwahrscheinlich ist das nicht, denn Bernwieser hat eine klare Vision: Er will die Organisationsprozesse in der Landwirtschaft revolutionieren. Zusammen mit seinem Studienfreund Jonas Hueber hat der Wirtschaftsinformatiker dafür das Start-up Agrando gegründet. Das Unternehmen ist eine Schnittstelle zwischen traditioneller Landwirtschaft und digitalen Möglichkeiten.

Die Idee

Agrando.de ging 2018 als digitale Plattform für Landwirte und Agrarhändler online, um den Handelsprozess von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln zu optimieren.

Landwirte können damit ihren kompletten Betriebsmittelkauf vom Preisvergleich bis zur
Dokumentation papierlos managen.

Agrarhändler bekommen die Möglichkeit, sich online zu präsentieren. Für Landwirte ist der Service kostenlos.

Jonathan Bernwieser (l.) und Jonas Hueber, Gründer von Agrando
Jonathan Bernwieser (l.) und Jonas Hueber haben Agrando gemeinsam gegründet. Seit 2013 haben sie ihre Geschäftsidee entwickelt.

Bernwieser sieht großes Potenzial in der Geschäftsidee, und der Erfolg gibt ihm Recht. Mittlerweile sind 2.000 Landwirte und 100 Agrarhändler aus ganz Deutschland auf der Plattform registriert. Das einstige Zwei-Mann-Unternehmen hat inzwischen 30 Mitarbeiter. „Was uns alle verbindet, ist die Leidenschaft für Landwirtschaft. Fast alle Mitarbeiter bei uns haben einen landwirtschaftlichen Bezug. Jemand, der denkt, dass Kühe lila sind, ist bei uns an der falschen Adresse – egal, wie gut er programmieren kann.“ Die Nähe zur Realität ist bei Agrando der Wegweiser durch das digitale Neuland. „Technisch machbar wäre zwar vieles“, weiß Bernwieser. „Aber Hightech-Sensoren oder irgendwelche Roboter gehen ziemlich stark an der Realität der Landwirte vorbei. Wir wollen die echten Probleme attackieren.“ Eines dieser Probleme ist der Papierwahnsinn. Den kannte Bernwieser auch vom heimischen Hof: Jede Futtermittelbestellung wurde einzeln per Fax verschickt,

jede Kalkulation in die Rechenmaschine mit Papierrolle getippt. Hinzu kamen die zahlreichen Dokumentationspflichten. „Eines Tages stand ich auf dem Hof meiner Eltern und habe das Potenzial gesehen, das es gibt, wenn man die beiden Welten zusammenbringt. Denn als Wirtschaftsinformatiker habe ich gelernt, Dinge, die sich wiederholen, zu automatisieren.“ Überrascht stellte Bernwieser fest, dass in der Landwirtschaft entsprechende Angebote fehlten.

„Unsere Vision ist, langfristig die gesamte Wertschöpfungskette zu optimieren“, sagt er. Der Unternehmer weiß aber, dass Digitalisierung ein Prozess ist. „So eine Umstellung funktioniert nicht von heute auf morgen.“ Sich dem Fortschritt zu verschließen, sei für Landwirte aber keine Option mehr. „Egal, wie weit man heute auf´s Land raus fährt, das Thema Digitalisierung ist überall präsent.

Auch kleine und mittelständische Landwirte brauchen digitale Lösungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Diese Lösungen zu bieten, treibt Bernwieser und sein Team an. Seine Eltern sind Agrando-Fans der ersten Stunde. „Bei neuen Entwicklungen habe ich immer Landwirte wie meinen Vater im Hinterkopf und frage mich: Nützt ihm das?“ So hat Bernwieser als digitaler Start-up-Unternehmer zurück zu seinen landwirtschaftlichen Wurzeln gefunden. Auch viele Werte, die ihm seine Eltern vermittelt haben, lebt er in seinem Start-up weiter: Pünktlichkeit, Leidenschaft, Ehrlichkeit und Teambereitschaft sind genauso wichtig wie auf dem Bauernhof. Die beiden Welten verbindet schon heute mehr, als mancher denkt.