Der Ellenbogengesellschaft mit Nächstenliebe die Stirn bieten

Gemeinsinn & Vorbild

Für Pfarrer Josef Steinberger aus Sauerlach ist die Bibel in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels zeitgemäßer denn je. Für den 54-jährigen Geistlichen sind christliche Werte am besten vermittelbar, indem man selbst mit gutem Beispiel vorangeht.

Josef Steinberger

„Die Zehn Gebote sind kein Wertekatalog, den man auswendig aufsagen soll. Man muss die Werte leben.“  

Josef Steinberger

An einem Schrank neben der Sakristei der St.-Andreas-Kirche in Sauerlach hängt eine Liste mit den Namen aller Ministranten. Die Liste wurde digital erstellt. Jeder Ministrant hat online eingetragen, wann er Zeit hat. Pfarrer Josef Steinberger schaut auf dem ausgedruckten Plan, wer bei der Messe am Abend dabei sein wird. „Natürlich nutzen wir Doodle“, sagt der Geistliche ganz selbstverständlich. „Anders würde die Planung der Gottesdienste ja gar nicht funktionieren.“

Moderne Technik und katholische Kirche sind für den 54-Jährigen kein Widerspruch. Ganz im Gegenteil! „Je länger ich Priester bin, desto mehr merke ich, wie aktuell die Bibel ist“, sagt Steinberger. „Damals waren zwar andere Zeiten, aber die Menschen haben sich auch nicht mit anderen Problemen beschäftigt als wir.“ Deshalb ist es dem Pfarrer ein Anliegen, vor allem junge Leute für die Bibel zu begeistern. Denn darin seien viele praktische Anweisungen für die heutige Zeit.

„Die ganze Gesellschaft hat sich verändert und oft heißt es: ‚Was sollen wir mit diesen alten Sachen?‘ Aber ich denke, die Zehn Gebote sind heute aktueller denn je.“ Um sie den Kindern im Religionsunterricht näherzubringen, hat der Pfarrer die Sprache modernisiert. „Statt ‚Du sollst nicht lügen‘ sage ich ‚Es ist gut für dich, wenn man ehrlich zueinander ist‘.“ Die Aufforderung „Du sollst“ findet Steinberger „furchtbar“. Ihm ist wichtig, dass die Kinder verstehen, warum die Zehn Gebote so wichtig sind. „Denn die Zehn Gebote sind ja kein Werte-Katalog, den man auswendig aufsagen soll. Man muss die Werte leben.“ Dafür fehlten den Kindern heutzutage jedoch die richtigen Vorbilder. „Egoismus, Ellenbogen-Denken und Leistungsdruck sind große Probleme unserer Gesellschaft“, sagt Steinberger. Dass in den Schulen immer öfter in Teamarbeit und Partner-arbeit gelernt wird, ist für Steinberger ein wichtiger Schritt hin zu mehr Miteinander.

Pfarrkirche St. Andreas Josef Steinberger
In der Sakristei der Pfarrkirche St. Andreasliegt das Messbuch für die Heilige Messe bereit.

Josef Steinberger ist seit dem 1. November 2018 Pfarrer des Pfarrverbands Sauerlach. Der gebürtige Niederbayer war zuvor in Bruckberg-Gündlkofen, Flintsbach am Inn und Bad Aibling tätig. Vor seinem Theologiestudium hat er sechs Jahre als Gärtner gearbeitet.

„In meinen Predigten verstecke ich die Botschaft, dass Toleranz und Nächstenliebe in der Gesellschaft noch stärker werden müssen“, sagt Steinberger. Die „Du sollst“-Rhetorik funktioniert dafür nicht. „Da hört keiner mehr zu“, weiß Steinberger aus eigener Erfahrung. Die Gottesdienste, die er als Kind erlebt hat, waren „ned so übermäßig spannend“, sagt der gebürtige Niederbayer diplomatisch. Das möchte er besser machen. Deshalb versucht er in seinen Messen immer einen praktischen Bezug herzustellen. Zum Valentinsgottesdienst brachte er beispielsweise eine Dose mit Salz mit, um zu verdeutlichen, wie eine gute Beziehung funktioniert: Jeder muss etwas dafür tun. Aber wie beim Salz in der Suppe sollte es weder Zuviel noch Zuwenig sein. Dieses richtige Maß zu finden, sei heute allerdings schwieriger als früher. „Die Einfachheit, die es früher gab, die gibt es nicht mehr. Die Menschen haben höhere Ansprüche, mehr Möglichkeiten und möchten alles perfekt haben“, sagt Steinberger. „Da darf ich mich selbst auch nicht ausnehmen“, ergänzt er selbstkritisch.

Statt auf lange Predigten setzt Pfarrer Steinberger lieber auf‘s Zuhören und versucht ein gutes Vorbild zu sein. Das Tun ist ihm wichtiger als das Reden: „Wenn alle vernünftig miteinander umgehen, dann geht es schon. Das Wichtige ist, dass man einander akzeptiert.“