Identität ist mehr als „typisch Deutsch“ und „typisch Türkisch“

Identität & Familie

Firuze Palavuz ist mit Werten aus zwei Ländern aufgewachsen. In beiden Wertesystemen hat die 19-jährige Auszubildende Dinge gefunden, die sie für sich übernehmen wollte und festgestellt, dass der wichtigste Wert sowieso universell ist.

Firuze Palavuz

„Ich kann mir nicht vorstellen, nicht in Deutschland zu leben. Hier habe ich so viele Möglichkeiten, etwas aus meinem Leben zu machen.“

Firuze Palavuz

Ihren wertvollsten Besitz hat Firuze Palavuz immer dabei. Eine goldene Kette mit einem flachen runden Anhänger. „Ein Erbstück von meinem verstorbenen Opa“, erzählt die 19-Jährige. Wenn Firuze (sprich: Ferise) erzählt, greift sie oft an ihre Kette. „Familie ist für mich einfach das Wichtigste!“ Die Geschichte ihrer Familie ist eine Geschichte, in der sich zwei Länder und zwei Wertesysteme vermischen.

Ihr Großvater kam in den 1960er Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Einige Jahre später wurde Firuzes Vater hier geboren. Seinen Schulabschluss machte er in der Türkei, lernte dort Firuzes Mama kennen und die beiden gingen zurück nach Deutschland.

Im Herbst 1999 kam Firuze in München zur Welt. „Erst drei Monate später wurde die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt“, erzählt die Auszubildende zur Bankkauffrau bei der VR Bank München Land eG. „So kommt es, dass ich bis heute nur einen türkischen Pass habe.“ Das amüsiert die Münchnerin manchmal: „Denn wenn ich in der Türkei bin, werde ich ständig gefragt, ob ich aus Deutschland komme, weil ich so einen starken Akzent habe, wenn ich Türkisch spreche.“ Auch in Deutschland fragen viele nach, wo sie herkommt. Auf die Frage antwortet Firuze Palavuz: „Aus München“. Darüber, ob sie sich selbst eher als Deutsche oder als Türkin fühlt, hat sie viel nachgedacht. „Ich bin beides“, sagt sie entschieden. „Ich bin Deutschtürkin.“ In mancher Hinsicht typisch deutsch, bei anderen Dingen typisch türkisch.

„Typisch deutsch an mir ist, dass mir mein beruflicher Werdegang wichtig ist“, sagt die Auszubildende. „Bildung ist für mich das A und O. Denn sie ist die Voraussetzung, um selbstständig zu sein.“ Als angehende Bankkauffrau mit geregelten Arbeitszeiten kann sie Karriere und Zeit für die Familie miteinander verknüpfen. Das war bei ihrer vorherigen Ausbildung nicht möglich. Deshalb wagte die 19-Jährige trotz Einser-Abschluss einen Neuanfang. Wenn ihr gelingt, dass die Bankkunden mit einem Lächeln aus der Filiale gehen, ist Firuze Palavuz glücklich. Denn dass sich ihr Gegenüber wohl fühlt, ist ihr wichtig. Das gilt in der Arbeit und privat. „Diese typisch türkische Herzlichkeit habe ich von meinen Eltern.“

Familie Palavuz
Die Nähe zur Familie ist der Auszubildenden sehr wichtig. Firuze Palavuz mit ihrem Bruder Eren und ihrer Mama Gülseren.

Wer bei den Palavuz´ zu Gast ist, kommt als Fremder und geht als Freund. Und definitiv mit vollem Magen! „Mhhh, was ist noch typisch Türkisch an mir?“, überlegt Firuze Palavuz. „Mein Glaube an Nazar, natürlich!“.

Für ihre Freunde und die Familie ist die 19-Jährige aber vor allem „typisch Firuze“. Ein Teenager, der gern Serien auf dem Smartphone schaut, gern shoppen geht und lieber Pommes und Schnitzel statt Börek und gefüllte Weinblätter isst. Eine große Schwester, die sich gern mal mit dem kleinen Bruder kabbelt. Und eine Tochter auf die die Eltern sehr stolz sind.

Ihren deutschen Pass hat die Münchnerin direkt beantragt als sie volljährig wurde. Bisher hat sie offiziell nur eine Aufenthaltserlaubnis. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, nicht in Deutschland zu leben. Hier habe ich so viele Möglichkeiten, etwas aus meinem Leben zu machen.“ Wann sie ihren Pass in den Händen halten wird, weiß sie noch nicht. Aber an ihrer Identität ändert das Papier nichts. Ihr wichtigster Wert – die Liebe zur Familie – ist sowieso universell.