Warum Konsumorientierung und Leistungsdruck Hand in Hand gehen

Teamgeist & Respekt

Wolfgang Zucker aus Eurasburg hat mehr als drei Jahrzehnte als Lehrer gearbeitet. In
dieser Zeit hat sich vieles geändert. Gleich geblieben sind die Werte, die er seinen Schülern
vermitteln wollte – und die Bedeutung des Schulskikurses für den Zusammenhalt in der Klasse.

Als Wolfgang Zucker als junger Sportlehrer ans Ludwigsgymnasium München kam, sollten die Schulskikurse abgeschafft werden. Dagegen wehrte sich der Pädagoge. „Denn Sport kann viele Werte vermitteln“, sagt der heute 67-Jährige. Auch später, als Fachbetreuer Sport, ermöglichte er es, dass die 7. und 8. Jahrgangsstufen jedes Jahr eine Woche nach Saalbach-Hinterglemm in Österreich zum Skilaufen fahren konnten. „Nach einer Woche Skikurs kam die Klasse so gefestigt zurück, dass sie den Unterrichtsausfall locker wieder reinholen konnten.“ Auf der Piste sind aus theoretischen Konstrukten wie „Teamgeist“, „Integration“ und „Hilfsbereitschaft“ handfeste Werte für´s Leben geworden.

Wolfgang Zucker

„Wenn man Werte nicht versteht, sind sie nichts weiter als Worte. Schüler müssen sich ihre Werte selbst erarbeiten.“

Wolfgang Zucker

Der Wertekanon, den die Schule vermitteln soll, ist beachtlich (siehe Kasten). Mittlerweile muss Schule zusätzlich auch Werte wie Höflichkeit, Tischmanieren und gewaltfreie Konfliktlösung vermitteln, weil die Schüler dies oft nicht mehr zu Hause lernen. Aber Wertevermittlung funktioniert nicht per Lehrplan. „Es ist ja nicht so, dass ich sage: ‚Sei nett zu den anderen‘ und der Schüler kann es umsetzen“, sagt Wolfang Zucker. „Wenn man Werte nicht versteht, sind sie nichts weiter als Worte“, ist der pensionierte Pädagoge sicher. „Schüler müssen sich ihre Werte selbst erarbeiten.“ Denn es nützt nichts, wenn man theoretisch weiß, welche Bedeutung „Toleranz“ hat und warum „Gesundheit“ wichtig ist. Werte müssen verstanden und gelebt werden.

Den Wertewandel der Gesellschaft hat Wolfgang Zucker in seinen 32 Jahren als Gymnasiallehrer für Sport und Biologie auch an der Schule miterlebt. „In den Achtzigerjahren waren die Schüler kritischer“, schätzt Zucker ein. Später hat er zunehmend eine „Lern-Bulimie“ festgestellt: „Das Verständnis für die großen Zusammenhänge ist weniger geworden.“ Stattdessen wurde mehr auswendig gelernt. Eine Ursache dafür sieht Wolfgang Zucker in dem Leistungsdruck, unter dem die Schüler stehen: „Heute soll jeder auf´s Gymnasium.“ Diesen Druck gab es vor ein paar Jahrzehnten noch nicht. „Damals war der Lebensstandard nicht so hoch, die Leute waren zufriedener und haben sich mehr Zeit für ihre Kinder genommen“, fasst Wolfgang Zucker zusammen. Durch die Individualisierung und die Konsumgesellschaft habe sich das verändert. Denn wer sich viel leisten will, muss mehr arbeiten und hat weniger Zeit für seinen Nachwuchs. „Eltern müssen sich heute wieder klar darüber werden, welche Werte ihnen wichtiger sind“, bringt Wolfgang Zucker die Herausforderung auf den Punkt. Denn Bildung und Erziehung komplett an die Schule abzugeben, sei keine Lösung, ist der Vater zweier erwachsener Kinder sicher.

Seinen Überzeugungen als Lehrer ist Wolfgang Zucker trotz allen Wandels immer treu geblieben. „Kinder brauchen Regeln. Da bin ich konservativ“, sagt er. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Fleiß und Respekt voreinander waren ihm wichtig. „Im Klassenzimmer habe ich immer für Ruhe gesorgt, damit alle eine Chance haben, zu lernen.“ Dafür musste er nie laut werden. Spricht er heute bei Klassentreffen mit ehemaligen Schülern, bedanken sie sich sogar für seine Strenge. Am liebsten aber erinnern sich alle an die gemeinsame Zeit im Skilager.